Bewegungsverwandtschaften und Aiki-bu-jitsu

Ein Bundeslehrgang mit Martin Glutsch (7. Dan) in Hannover

Wie ein Schneeglöckchen, das von den ersten Sonnenstrahlen geküsst wird, öffnete Martin erst seine Hand, dann seinen Arm und sorgte so dafür, dass sein Uke wie der erste Morgentau von ihm abperlte. So ungefähr fühlte es sich auch an, wenn man möglichst genau nachvollzog, was er uns zum Üben gab. Es war Sonntagmorgen und 9:30 Uhr war anscheinend doch genau die richtige Zeit, um ein paar sehr anschauliche Bewegungsmuster zu trainieren, auch wenn Martin bei der Ankündigung am Vorabend etwas verschmitzt mit den Augen rollte.

Doch beginnen wir am Anfang. Der Bundeslehrgang mit Bundestrainer Martin Glutsch war ein Muss, zumal er doch in 1,5 Stunden erreichbar war. Einen gemeinsamen gemütlichen Abend mit den Teilnehmern in Aussicht gestellt, besorgten wir uns auch eine Unterkunft in Hannover. Die Freie Waldorfschule am Maschsee war als Austragungsort sehr gut gewählt.

Zum Einen bot die Halle genug Platz für die ca. 85 Teilnehmer, zum Anderen waren die Parkplätze am Ufer des Sees ausreichend für die vielen angereisten Aikidoka aus Bayern, Baden Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Berlin, Brandenburg und Schleswig-Holstein. Das Thema „Bewegungsverwandtschaften und Aiki-bu-jitsu“ lockte wahrscheinlich auch viele Teilnehmer an. Ich war überrascht, wie viele Bekannte ich hier traf, das bleibt auf Bundeslehrgängen eben nicht aus.

Unseren Namen mussten wir zur Einstimmung nicht tanzen, aber einen leicht aus der Linie gehenden Irimi-ashi sollte doch jeder hinbekommen. Auf den Füßen gedreht und den Kontakt zum Uke hergestellt, den nun vorderen Fuß neu abgesetzt, war jeder Nage bereit, einen Irimi-nage auszuführen, aber war es auch wirklich die von Martin gezeigte Form? Wie immer hatte er für jeden Tipps parat, wie man kraftloser, mit besser Zentrumsverbindung und mit kleineren Bewegungen vorgehen konnte. Auf jeden Fall hatten wir es hier mit der Grundform zu tun, aus der die Bewegungsverwandtschaften abgeleitet werden konnten.

Sehr schön war nach meiner Auffassung die Möglichkeit, statt den Irimi-nage auszuführen die freie Hand zum Griff anzubieten und mit einer weiteren kleinen Sabaki-Bewegung einen Kaitennage (soto) auszuführen. Aber auch die Möglichkeit nach einem Hanmi-Wechsel in Bodentechniken überzugehen hatten ihren Reiz.

Nach einer kurzen Trinkpause kehrten alle Teilnehmer mit dem Bokken auf die Matte zurück und übten zunächst die Schnitt- oder Schlagbewegung in einem langwierigen Auf und Ab. Dabei war zu beachten, dass die rechte Hand „ins Ziel führte“ währen die Linke mit Zug und Schub „für die Geschwindigkeit“ sorgte. In der nächsten Phase standen wir uns paarweise gegenüber und trainierten in Lehrer-Schüler-Manier das Öffnen, das Erwarten des Schwertschlages und in verschiedenen Variationen das rechtzeitige Ausweichen und Kontrollieren des Partners.

Als über 30 Teilnehmer ins „Meiers“ pilgerten, hatten wir schon einige neue Aikido-Erfahrungen im Gepäck, aber auch richtigen Hunger. Es war ein netter Abend im Kreis von Freunden. Wir freuten uns auf den Sonntag. Die am Abend abgereisten Teilnehmer wurden von spontan angereisten Aikidoka abgelöst. Gleichgewichtsstörungen in Spielform stimmt darauf ein, dass wir uns wieder intensiv auf unsere Partner und Partnerinnen einlassen mussten und dann kam es unter anderem zu der denkwürdigen Vorführung, in der Martin betonte, dass er nach der Kontaktaufnahme erst einmal an entfernteren Punkten mit der Führung des Uke beginnt und demonstrativ seine Hand öffnete, dann den Arm, ... Die zweite Hälfte der Sonntagseinheit war der Verteidigung gegen Bokkenangriffe mit dem Jo gewidmet. Als sie zu Ende ging, blieben uns noch die offizielle Verabschiedung, der Mattenabbau ein Buffett und der Heimweg. Unser Dank gilt nicht nur Martin, der wieder einmal geduldig, detailreich und einfühlsam auf Hochdeutsch alle Teilnehmer mit Stoff zum Nachdenken und Üben versorgte, sondern auch dem Aikidoverein Hannover der mit seiner tollen Vorbereitung für einen reibungslosen Ablauf sorgte.


Autor/in: Andreas Kalbitz
Fotos: Kerstin Dreier