Der Weg des Samurai

Stille senkte sich über das Dojo mit den rot-grünen Matten. Der Himmel zeigte schon herbstliche Dunkelheit und ließ dadurch das Licht der Lampen in den bodentiefen Scheiben widerspiegeln. Unser Lehrer saß mit geschlossenen Augen inmitten des Raumes.

Zu acht knieten wir in einer Reihe vor ihm und jeder konzentrierte sich auf seine Art und Weise. Wir Schüler konnten nicht unterschiedlicher sein: Frauen und Männer, Jung und Alt, Groß und Klein. Doch das war nicht wichtig, denn wir waren eine Gruppe, die heute zusammen etwas lernen wollte; wir würden uns in den nächsten zwei Stunden gegenseitig helfen, Neues zu verstehen. Denn…

Aikido ist Gemeinschaft.



Der Tag besaß für alle von uns tausend Kleinigkeiten, die uns forderten, die uns vielleicht stressten, die uns sogar durcheinander brachten oder einfach sehr beschäftigten; das blieb vor der Tür. Wenn der eigene Blick nach vorn auf ein Gegenüber gerichtet wurde, dann zeigten meine Sinne genau dorthin. Der Fokus auf das Übrige verlor sich. Zur Vorbereitung gab es Dehn- und Aufwärmübungen, damit sich der Körper auf das Kommende einlassen konnte. Denn…

                                    Aikido ist Beweglichkeit.

Immer wieder außer Atem entstand nun Wärme; Hände und Füße pulsierten und das Eckige der am Tage aufgebauten Verspannungen entschwand. Jetzt galt es sich an das Wesentliche heranzutasten: Mit Aufmerksamkeit suchten wir in den ersten Übungen ein Gefühl für unser Gegenüber. Jeder von uns besaß Energien, die einem Punkt im Innern entsprangen. Dieses Zentrum beinhaltete geballte Kraft, die durch Handkontakt mit dem Energiepunkt des Trainingspartners verknüpft werden konnte. Es war das Herzstück dieser Kampfkunst; jede Technik begann und endete damit. Es ließ sich kaum erklären, es ließ sich nur tun. Für Anfänger bedurfte es ein wenig der Übung, um überhaupt das Vorhandensein der eigenen Mitte erkennen und spüren zu können, doch mit Hilfe der Fortgeschrittenen fand sie sich. Denn…



Aikido ist Verbindung.



Die Ausübung der Techniken forderte uns als Ganzes heraus; das hörte sich logisch an, war aber am Anfang unheimlich schwer umzusetzen: Wie oft besaßen wir eine Lieblingsseite beim Schneiden mit der Schere, beim Schreiben oder Holz hacken oder beim genauen Betrachten von Dingen. Wir suchten uns immer automatisch die Körperseite aus, die die Aufgabe am leichtesten umsetzen konnte. Diese Neigung offenbarte sich nun. Was mit der rechten Hand im Zusammenhang mit bestimmten Schrittfolgen noch als eine runde Bewegung erschien, konnte mit der linken schlimmer als jede Matheaufgabe die Stirn runzeln lassen. „Das Ganze“ war aber auch die Verknüpfung zwischen Kopf und Körper: Wie gut kam ich damit zurecht, wenn etwas nicht klappte, wenn ein anderer die Aufgabe viel besser meisterte oder mich viele Augen bei einem Randori betrachteten? Wo stand ich in meinem Selbstverständnis? Konnte ich mir Fehler verzeihen? Das Ausführen einer Technik wurde so zu einem Prüfstein unserer Gelassenheit. Denn…

Aikido ist ein Spiegel.



Gleich den bunten Nordlichtern bewegten wir uns nun in runden Schleifen, ließen Hohlräume für den Gegner entstehen, folgten der Schwerkraft und überwanden sie, kämpften mit Schwertern um ein Sosein im Miteinander, versanken in den Blicken unseres Gegenübers und berührten die Welt mit unserem Zentrum; so entsteht Leidenschaft, denn…

Aikido ist einfach schön.


Autor/in: Christine F. Behrens
Fotos: Christine F. Behrens