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Ich war noch nie im Emsland. Sögel sagte mir also auch absolut nichts. Die
Sportschule Sögel soll bei einem Jagdschloss liegen. Ursprünglich für einen
Lehrgang mir Karl Köppel gemeldet, machten wir uns am Freitag, den 23.4.2010
auf den Weg, wohl wissend, dass Karl den Bundeslehrgang wegen eines
privaten wichtigen Termins nicht leiten konnte. Alfred Heymann hatte sich
angeboten, einzuspringen und wie wir zu Beginn des Lehrganges erfuhren, war er
auch neugierig, wie der erste Bundeslehrgang in Sögel ablaufen würde. Immerhin
hatte er mit angeregt, in Niedersachsen einen Ort für Bundeslehrgänge zu suchen.
Die Mattenfläche, auf der die Teilnehmer Platz finden sollten, war von
den Hannoveranern per LKW mitgebracht worden und musste am Sonntag auch wieder
verladen und abtransportiert werden.
Die Unterkunft, der Marstall der Jagdstern-Anlage, diente offensichtlich
verschiedenen gemeinnützigen Zwecken, was uns der "Eine-Welt"-Verkaufsaufsteller
oder das kleine Verkaufsregal mir religiösen Büchern am Samstag verriet. Eine
Schulklasse war in der Einrichtung untergebracht und die Gemeinschaftstoiletten
waren behindertengerecht ausgebaut, sowie wahlweise mit Dusche oder Badewanne
verfügbar. Ein großer und ein kleiner Speisesaal boten überdies die Möglichkeit,
verschiedenen Gruppen getrennt voneinander zu beköstigen und die Freizeiträume
im Kellergeschoss konnte man für den Abend auch einzeln buchen.
Von unserem Verein waren neben Alfred und Dagmar Haase Stefan, Peter, Tina und
ich angereist, aber damit war die Hamburger Mannschaft noch nicht komplett.
Mit insgesamt 17 Aikidoka waren wir gut vertreten und hatten auch gleich den halben
AVHH-Vorstand in der Mannschaft.
Schon bei der Anmeldung und Zimmerverteilung, die Damian, der Lehrgangsleiter,
souverän mit seinen Helfern organisierte, bemerkte ich das eine oder andere
weitere bekannte Gesicht. Einige Teilnehmer erkannte ich vom Trainer-C-Lehrgang
in Frankfurt wieder, einige Gesichter kannte ich vom Bundeslehrgang in Herten,
Manuela Magiera (4.Dan), erkannte ich sofort wieder. Immerhin saß sie am
10.10.2009 neben Alfred Heymann und Eckhard Claaßen bei meiner Danprüfung in
der Prüfungskommission.
Als wir gegen 19:30 Uhr endlich die Matte betraten, mutete es etwas seltsam an,
dass wir einer noch leeren Wand die erste Verbeugung zollten, denn dort sollte
O Sensei eigentlich auf einem großen Banner angebracht sein. Leider war er
nicht mehr rechtzeitig aus dem Stau gekommen, aber was soll's, wir hatten sein
Bild vor dem geistigen Auge. Nach ersten organisatorischen Fragen übernahm
Alfred Heymann das Ruder und sorgte für eine zu dem Zeitpunkt noch recht
entspannte Erwärmung, an die sich Kokyo-ho im Za-ho mit Ryote-tori und
Katate-ryote-tori anschlossen. Danach war ich dann auch wirklich warm.
Zum Thema Bewegungsverwandtschaften hatte Alfred sich einen gut strukturierten
Plan gemacht, der uns immer wieder an die gleichen Grundsätze aber in
verschiedene Techniken führte. Ob Kokyo-nage, Iriminage, Ude-osae,
Kote-mawashi oder Tekubi-osae bei Katate-ryote-tori ist mit natürlich gebeugten
Armen, einer zielgerichtet eingesetzten Tegatana und unterstützendem Hüfteinsatz
beim Sabaki jede Technik etwas leichter.
Die Standardprobleme wie das Abwinkeln
der Ellenbogen, lineares Vorgleiten, Strecken der Arme, wurden von Alfred immer
recht schnell korrigiert. Erkannte er kurz nach dem Beginn einer neuen Übung
bei einem oder mehreren Paaren ein grundsätzliches Problem, brach er sofort ab
um das Augenmerk aller auf das Detail zu richten. So wurden man
darauf geschult immer detailreicher auf die Ausführung der Techniken zu achten.
Sprüche wie "10000 Wiederholungen links, 10000 Wiederholungen rechts, und dann
komme ich nochmal wieder" hörte man häufiger aus seinem Mund, wohl wissend,
dass dies nicht nur scherzhaft gemeint war, sondern ein Hinweis darauf, dass
jedes Detail sich erst in der Routine voll entfaltet, wenn man nicht mehr
darüber nachdenken muss. Gelegentlich spickte Alfred seine Vorträge mit
Kurzepisoden aus Begegnungen mit Meistern, die er in der Vergangenheit erleben
durfte und mit philosophischen Betrachtungen, die einen Bezug zum Prinzip
nahelegten.
Mir persönlich gefiel der Lehrgang bis dahin schon ganz gut, passte er sich doch
so wunderbar in meine Überlegungen zum "Projekt Hände" ein. (Dass bei der
Katame-waza-Lastigkeit der Trainingseinheiten des letzten Monats meine
Handgelenke bald zum Medizinprojekt werden konnten, daran wollte ich nicht
denken.) Außerdem war der Hinweis nach meiner Prüfung, ich solle noch etwas mehr
auf mein Sabaki achten, nun mit Beispielen erfüllt, bei denen ich ansetzen kann.
Bewegungsmuster brauchen Vorbilder. Zusätzlich gefielen mir die Anmerkungen zur Atmung
sehr gut. Richtet man den Angreifer, der bereits nach unten geführt wurde und ausatmen musste,
wieder auf, hilft man ihm, einzuatmen und stärkt ihn damit. Beim Kote-mawashi (Tenkan) wurde das als
hilfreich dargestellt, bei allen Irimi-Formen als kontraproduktiv dargestellt. Ich glaube, hier habe ich ein
weiteres interessantes Forschungsprojekt.
Der Samstag hatte es in sich. Nach einer etwas kurzen Nacht, immerhin hatten
die Organisatoren auch für einen gemütlichen Ausklang des Tages gesorgt, bei
einer strahlend aufgehenden Sonne, die einen wunderschönen Tag versprach,
gingen wir gut gelaunt in die Halle. Wir konnten ein De javu der Erwärmung,
Kokyo-ho, etc. erleben.
Wir verbrachten diesen Tag gefühlt überwiegend mit dem Bokken.
Es gab keine Kata die es zu üben
galt. Alfred erklärte vorweg, er sei kein Schwertmeister, sondern ein
Aikido-Meister, doch er lege uns allen die Arbeit mit dem Schwert ans Herz,
weil viele Bewegungen die Grundlagen der Techniken unterstützten.
Tipps zum richtigen Einführen der Tegatana zwischen die beiden Hände, die das
Bokken halten, die korrekte Weiterleitung der Energie, die Ergänzung durch
eigene Energie und die Vollendung in einer der Techniken Shiho-nage,
Irimi-nage, Kokyo-nage oder Ude-osae und Kote-mawashi waren ein umfangreiches
Unterfangen, dem sich jeder Teilnehmer mit viel Intensität stellte. Die
Bewegungsverwandtschaften kamen auch hier für jeden deutlich zur Geltung.
Leider fiel Christian an diesem Samstagabend kurz vor Schluss unglücklich auf
eine Schulter, so dass die Verletzung ihn zwang, den Rest des Lehrgangs vom
Rand aus zu beobachten, aber ich bin mir sicher, auch er hat viel von diesem
Lehrgang mitgenommen. Zumindest hatte er auch beim abendlichen Beisammensein
den Humor noch nicht verloren.
Die sonntägliche Abschlusseinheit stand unter dem Themenschwerpunkt
"Tanto-Angriffe". Ob Shomen-uchi, Yokomen-uchi oder Shomen-tsuki es gab Muster
die sich wiederholten und aus denen man wieder in die verschiedensten Techniken
vom Shiho-nage über die Katame-waza bis hin zum Ude-garami und Ude-kime-osae
übergehen konnte.
Die Danksagungen und der anschließende Abbau der Mattenfläche gingen angemessen
schnell von statten. Ein letztes Mittagessen als 3-Gänge-Menü serviert, eine
letzte Verabschiedung und dann ging es am bisher wärmsten Sonntag des Jahres
zurück auf die Autobahn. Ich ließ das Erlebte noch einmal Revue passieren und
merkte schnell, dass ich die Techniken im Ablauf nicht mehr nacheinander
aufzählen konnte, aber die Bewegungsverwandtschaften sehr wohl vor Augen hatte.
Ich zog mir die Kapuze meines Sweatshirts über den Kopf, damit ich auf der
Sonnenseite die nächsten 3 Stunden überstehen würde, sah auf meinen rechte Hand,
drehte noch einmal die Handfläche mit natürlich angewinkeltem Arm nach
oben und nickte ein. Körperlich war der Lehrgang also auch eine Herausforderung.
Ein großes Dankeschön an die Mannschaft aus Sögel für die Organisation, an die
Hannoveraner für den Mattentransport, an Alfred für das ausführliche Programm,
das viel Stoff zum Üben aufgibt und an alle Teilnehmer mit denen ich üben
durfte und ohne die ein solches Ereignis kein wirkliches Ereignis wäre.
Man sieht sich!
[1]Bilder vom
Lehrgang gibt es in der Galerie.
[2] Einen Bericht von Tina gibt es hier.
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