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Am, wettertechnisch gesehen, schönsten und wärmsten Wochenende, das wir bisher
in diesem Jahr erleben durften, machten sich wieder einige Aikido-Begeisterte
auf den Weg nach Malente um dort einen im Norden noch nicht so sehr bekannten
Meister, Hubert Luhmann 6. Dan, zu erleben.
Es versprach sehr interessant zu werden, denn in der Mail zur Anmeldung stand
bereits, dass Hubert Luhmann unter anderem für die Leitung eines mobilen
Einsatzkommandos zuständig war, im Polizeidienst und auch für die sportliche
Aus- und Weiterbildung der Polizei verantwortlich gewesen war. Kaum
verwunderlich, dass sich das Thema des Lehrgang also gerade zu aufdrängte:
Aikido ist Selbstverteidigung!
Die Anreise war bereits Freitag ab 17. 00 Uhr, was mich und sicher auch einige
andere zwang, sich an diesem Tag freizunehmen. Wie eigentlich fast immer, trafen
sich dann auch schon die ersten Teilnehmer in der Lobby des Fitness-Studios, und
rätselten welches bekannte Gesicht denn noch so auftauchen würde. Nach und nach
hatten sich dann alle gemeldeten 26 Teilnehmer eingefunden und es ging an die
Zimmervergabe. Dann galt es, sich das beste Bett im Zimmer zu sichern, einige
überlebenswichtige Sachen auszupacken und natürlich den Gi, Gürtel und Hakama
bereitzulegen.
Nach dem Abendessen, ging es dann endlich mit dem ersehnten Training los.
Pünktlich um 19.00 wurde von Hubert auf die Matte gebeten, abgekniet und
angegrüßt. Dann bat uns Hubert, gerne etwas näher zu kommen, und so scharrten
sich alle in einem Halbkreis um den Meister. Hubert erzählte uns einleitend,
dass er bei der Polizei seit über 32 Jahren tätig sei, unter anderem in einem
Mobilen Einsatzkommando, Leiter des SEK war, und noch einiges mehr, was viele
von uns beeindruckte. Darauf folgend, erläuterte er uns seine Sichtweise des
Aikido: Aikido ist wie ein Haus – jedes Haus hat das gleiche Fundament, aber
jeder baut sein Haus anders. Einige aus Holz, andere aus Beton. Und wenn man
nach einiger Zeit feststellt: „Das Haus aus Holz gefällt mir doch beser, als das
aus Beton!“, dann ist diese Veränderung mit dem Weg, der Weiterentwicklung des
Aikido zu vergleichen. Das Fundament steht für die Grundprinzipien und
Techniken, die bei jedem Lehrer gleich sind und für uns alle die gleiche Basis
bilden. Das Haus, steht für den einzelnen Aikidoka. Dieser lernt von seinem
Lehrer und vielleicht auch von anderen, z.B. auf Lehrgängen. Sobald ihm was
gefällt, oder er feststellt, dass er mit dieser Variation einer Technik besser
klar kommt, wird er sie individuell auf sich abstimmt, anpassen und für sich
selbst weiterentwickeln. Hubert erklärte uns auch seine Interpretation der
Verwendung von Waffen beim Training. Aufgrund der eigenen Erfahrungen, die er
bei der Polizei gemacht habe, und auch gesehen habe, was Waffen alles
Schreckliches und schlimmes anrichten können, ermahnte uns Hubert sehr
respektvoll und aufmerksam mit den Waffen zu arbeiten. Zitat: „Eine Waffe ist
grundsätzlich immer tödlich!“
Dann ging es auch endlich los, mit den üblichen bekannten Aufwärmübungen und
einigen Vorübungen zu Tai-Sabaki und Irimi-Ashi. Dann ging es weiter mit dem
Shiho-Nage. Hubert legte großen Wert auf die Brechung des Gleichgewichtes. Dies
demonstrierte er uns mit Hilfe des Irimi-Nage, Kaiten-Nage Uchi und des
Tekubi-osae, noch deutlicher.
Alle Teilnehmer übten fleißig. Zum Abschluss, machten wir noch ein Randori, auch
hier erklärte Hubert uns seine Einstellung: Randori lernte er das erste Mal im
Judo kennen. Dort ginge es nicht um Schnelligkeit und Hast, sondern eher darum,
sich so variabel wie möglich bei einem Angriff zu verhalten und die Techniken
möglichst sauber auszuführen. Auch die Zeit schockierte den einen oder anderen
in Anbetracht der vorgeschrittenen Stunde, es war bereits 20:45 Uhr - 10 Minuten
durchhalten und gleichzeitig Sauber arbeiten, Puh!
Zu guter Letzt gab es dann auch noch Kokyo-ho aus Zaho. Auch hier wieder ein
etwas anderes Prinzip: Es ging nicht darum den Uke, umzuwerfen, sondern sich für
seine Energie durchlässig zu machen. Man sollte, während die Energie des Ukes
auf einen einwirkt, „einfach“ fest mit dem Zentrum verankert, am Boden bleiben.
Die Arme sollten dabei ganz locker und entspannt sein.
Nachdem wir dann abgegrüßt hatten und sich jeder ein wenig unter der Dusche
erfrischt hatte, trafen wir uns in der Kneipe und am Tresen zum Plausch. Einige
versammelten sich draußen und lauschten Huberts spannenden Anekdoten aus 32
Jahren Diensterfahrung bei der Polizei.
Am Samstagmorgen konnte man dann doch das eine oder andere zerknautschte und
übermüdete Gesicht wiedererkennen: es schien spät geworden zu sein!
Nach ordentlich viel Kaffee ging es dann aber auch gleich wieder weiter und alle
versammelten sich pünktlich um 9.30 auf der Matte. Während der 2.
Trainingseinheit befassten wir uns mit den Bodentechniken. Es ging der Reihe
nach: Zuerst der Ude-Osae aus Shomen-Uchi, dann der Kote-Mawashi Tenkan aus
Shomen-Uchi und der Kote-Hineri ebenfalls aus Shomen Uchi.
Hubert zeigte uns auch diesmal wieder etwas, was den meisten (und auch mir!)
völlig unbewusst war: „Nutzt eure Reflexe aus und lasst den Uke in seinem
natürlichen Bewegungsfluss.“
´Es ist eigentlich ganz klar, dass wenn mir jemand ins Gesicht schlagen will ich
reflexartig die Hände hebe´, dachte ich mir und stellte beim Üben erstaunt fest:
Es klappt tatsächlich viel besser als immer drüber nachzudenken was gleich
kommt, und wie ich mich zu bewegen habe.
Auch diese Einheit verging wie im Flug und wurde mit einem Randori und Kokyo-ho
aus Zaho beendet. Dann hieß es wieder Duschen und hungrig aufs Mitagessen
warten. Dank des tollen Wetters konnte man die Zeit für sinnige Gespräche bei
einer Tasse Kaffee draußen in der Sonne verbringen. Zum Mittag gab es
Frikadellen mit Kartoffeln und Erbsen und Wurzeln mit Sauce.
Da die nächste Einheit erst um 15.00 Uhr beginnen sollte, nutzen alle Teilnehmer
die Zwischenzeit ganz individuell: Einige machten ein kurzes Mittagsschläfchen,
anderen setzten ihre Gesprächsthemen fort und wieder andere stiefelten in den
nahegelegenen Supermarkt, um sich mit Knabberkram oder Schokolade für den Abend
einzudecken.
Die Zeit verging und kaum hatte man sich wieder in seinen Gi - mit oder ohne
Hakama - geworfen, ging es auch schon weiter mit Trainingseinheit Nr.3.
Diese gestaltete Hubert mit Waffen, was sich als mein persönliches Highlight
(ein bisschen Ironie muss erlaubt sein!) herausstellen sollte.
Hubert erläuterte uns, dass der menschliche Körper in 5 Angriffszonen eingeteilt
wird: Der Kopf bildet Zone 1, die linke Rumpfseite + Arm bilden Zone 2
entsprechend die rechte Rumpfseite + Arm bilden die Zone 3, Genitalien bilden
Zone 4 und Zone 5 bilden abschließend die Beine. Laut Hubert, erfolgen die
meisten Angriffe in Zone 1, das heißt in Richtung Gesicht und oder Hals und in
Richtung Bauch.
Hubert zeigte uns einige kleine, aber durchaus gebrauchbare Tricks zur
Handhabung des Jo. Wenn man einfach nur mit voller Wucht gerade aus sticht, hat
dies zwar Wirkung aber der Angreifer könnte gegenhalten, bzw. würde der Stoß,
abhängig von der Masse des anderen gebremst und verringert werden. Durch eine
einfache Rotation des Jos, mithilfe der sich am Ende befindenden Hand und dem
Einsatz der eigenen Masse (soweit vorhanden), konnte dieses Problem kompensiert
werden.
Die Abwehr des Angriffes erfolgte dann, auch durch eine automatische
Reflexbewegung der Arme vor den Kopf, diesmal aber mit dem Jo in den Händen.
Durch diese Bewegung wurde der angreifende Stoß gezielt zur Seite abgelenkt,
ungefähr so wie man es auch aus der 13er Stab-Kata kennt. Gleiches konnte auch
eingesetzt werden, um einen Schlag zur Hüfte, Rumpf oder Schulter oder auch zum
Knie abzuwehren. Zum Ende hin, wie mag es auch anders sein, das übliche: Kokyo
Ho aus Zaho und Randori.
Im Anschluss gab es dann Abendessen. Ganz im Sinne der Sportler, verschiedene
Sorten Brot, Gemüse, Obst, Aufschnitt von Käse und Wurst und im Anschluss eine
letzte Trainingseinheit für Samstag. Da es immer noch um die Handhabung von
Waffen ging, wurde nun das Bokken etwas mehr in den Mittelpunkt gerückt. Auch
hier wies uns Hubert an, respektvoll mit der Waffe umzugehen. Gemeinsam mit dem
Bokken übten wie den Tai-Sabaki und weitere Grundelemente wie den Shomen-Tsuki,
den Shomen-Uchi und den Yokomen-Uchi. Aus diesen 3 Elementen setze Hubert dann
eine „Mini-Schwert-Kata“ zusammen, in der man die Verbindung aller 3 Angriffe
und die Führung des Bokken sehr gut üben konnte. Zum Ende hin wurden alle Waffen
beiseite gelegt und zum allgemeinen Erstaunen, der Aiki-Otoshi gezeigt. Es
stellte sich leises Gemurmel und Stirnrunzeln ein: „Sowas macht man doch
eigentlich nicht auf einem Lehrgang!“ Aber Hubert tat es, und das war auch gut
so. Er machte uns klar, dass es nicht um das Hochheben oder Wegreißen der Beine
von Uke geht, sondern darum den natürlichen Bewegungsfluss zu erhalten und Uke
einfach weiterzuschaufeln. Deshalb auch „Schaufelwurf“. Hubert beendete das
Training mit den Worten: „Man sieht es euch an, dass ihr heute alle hart
gearbeitet habt!“ Nickend stimmten alle zu und freuten sich auf Kokyo Ho aus
Zaho.
Der Tagesausklang wurde mit Chipstüten, Schokoladentafeln und dem einen oder
anderen Bier an der Theke eingeläutet. Es ergaben sich durchaus nette neue
Bekanntschaften und Gesprächsthemen nicht nur über Aikido, es versprach wieder
mal spät(er) zu werden.
Der Sonntag wurde durch ein ausgiebiges Frühstück mit Rührei, Kaffee oder Tee
und allem was noch so dazugehörte, begonnen. Und wieder ging es schneller auf
die Matte, als es einigen Unausgeschlafenen recht war und die letzte
Trainingseinheit stand kurz bevor.
Im Aikido werden üblicherweise 3 Trainingswaffen verwendet: Das Jo – der Stab,
das Bokken – das Schwert und das Tanto – das Messer. Letzteres fehlte allerdings
noch in Huberts Programm.
Somit begannen wir das Aufwärmen zunächst einmal mit Bokken und Jo, was für mich
schon eine ganz große Herrausforderung darstellte: Links das Jo und rechts das
Bokken und dann noch einen Tai-Sabaki und beide Waffen über dem Kopf
zusammenführen und kreuzen – da ging es mit meiner Koordination den Bach runter.
Anschließend ging Hubert zum Tanto über und erinnerte uns daran, unseren
Reflexen einfach Folge zu leisten. Nach und nach machten wir dann aus der
reflexartigen Abwehr, einen Kote-Gaeshi. Auch dort galt es, dem Uke seinen
persönlichen Bewegungsfluss zu lassen und diesen nicht durch frühzeitiges Kippen
der Hand oder Einsetzen des Zentrums zu behindern. Auch der Ude-Kim-Osae durfte
nicht fehlen, wobei die Ablegephase eher an einen Wrestlingkampf, als an eine
Aikido-Technik erinnerte.
Gerade bei den Messertechniken sollten wir versuchen, unseren Uke im Ganzen,
aber trotzdem nur schemenhaft wahrzunehmen. Keine Fixierung auf die Waffe oder
das Gesicht – sondern einen offenen Blick für jede neue Reaktion von Uke.
Der Satz „Zeigt eurem Angreifer das Messer ruhig noch einmal, wenn ihr es
habt!“, sorgte für allgemeine Erheiterung unter den Teilnehmern. Aber auch dies
sei wichtig für die emotionale und psychologische Kontrolle, laut Hubert.
Natürlich durfte neben der psychologischen Kontrolle auch die physische
Kontrolle nicht außer Acht gelassen werden. Sprich, der Uke sollte bis zur
allerletzten Möglichkeit ständig, auch wenn sich der Uke bereits durch Klopfen
auf die Matte ergeben hatte und beim anschließenden Aufstehen immer durch
Blickkontakt, Präsens und Kamai-Stellung, unter Kontrolle sein. Dann hieß es
wirklich, wir konnten es kaum glauben, für ein letztes Mal: Kokyo-Ho aus Zaho
und Randori!
Nach dem Abgrüßen, bedankte sich Hubert bei den Teilnehmern: „Ich freue mich
über jeden, der hier war, und ärgere mich nicht über die, die nicht da waren!“
Nachdem Ulrich Schümann dann die Geschenkübergabe eines „überdimensionalen
Schweißabtupfers“ (ein Badetuch) vollzogen hatte, gab es für Hubert Standing
Ovations auf den Knien.
Wie immer, ein genialer Lehrgang mit einem genialen Meister! Ein dickes
Dankeschön geht an Ulrich Schümann für die Organisation, aber natürlich auch an
Hubert Luhmann, dem es wirklich gut gelungen ist zu vermitteln und auch
technisch dar zulegen, dass Aikido WIRKLICH auch ein Stück Selbstverteidigung
sein kann! Vielen herzlichen Dank!
(Diesen Bericht
gibt es natürlich auch auf Tinas Originalseite.)
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